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„Kein SEX in Russland“ - Eine Innenansicht über das Riesenreich von Dimitry,

Mehr noch als der Kölner CSD ist das Kölner Bärentreffen ein Treffen von schwulen Männern aus vielen Ländern, auch solchen, in denen schwules Leben nicht in der Art gelebt werden kann wie im Westen Europas. Besucher aus bis zu 60 verschiedenen Ländern repräsentieren den Zustand der Welt in Sachen Homosexualität und der Situation der Homosexuellen weltweit.

Besondere Aufmerksamkeit fand in diesem Jahr die Anwesenheit des Mr. Bear Russland 2010 Dimitry aus Moskau. War und ist Russland doch seit einiger Zeit in den Schlagzeilen, wenn es um die Diskriminierung und Verfolgung von Homosexualität und Homosexuellen geht.

Anders als hierzulande gewann Dimitry den Titel Mr. Bear bei einer Internetwahl, veranstaltet von der Seite bearlove.ru, die sie seit einigen Jahren organisiert. Vorgeschlagen von Freunden konnte der Moskauer Bär die Herzen von Bärenfreunden in dem Riesenland gewinnen. Eine Veranstaltung in der Art des Kölner Bärentreffens wäre in Russland immer noch undenkbar.

In dieser Sache ist die russische Gesellschaft immer noch sehr weit von Europa entfernt, meint Dimitry. Und das es so ist, ist vor allem fehlenden Wissen und fehlender Aufklärung zu verdanken.
Jeder in Russland kennt noch heute den Ausspruch von Ludmila Nikolajewna Iwanowa, Angestellte des Moskauer Hotels „Leningrad“ und Chefin des „Komitees sowjetischer Frauen“ aus den Zeiten der Sowjetunion. Sie sagte: „Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex.“

Und das ist noch heute so, denn Jugendliche erhalten in der Schule keine Aufklärung. Verhüttung, AIDS-Prävention, die Vielfalt der menschlichen Sexualität erfahren Jugendliche auch heute nur im Freundeskreis oder auf Internetseiten. Da wundert nicht, dass die Vorstellungen zur Homosexualität durch die Vorstellungen der Religionen in dem Vielvölkerstaat geprägt sind, vor allem der der russisch- orthodoxen Kirche und in Teilen des Landes durch den Islam.

In diesem Umfeld leben Schwule wie seit eh und je verdeckt. Und wer seine Homosexualität nicht öffentlich macht, kann mit ihr le- ben. Bisher jedenfalls. Auch Dimitry lebt so als erfolgreicher Friseur, akzeptiert und beliebt in seinem privaten Umfeld. Und eine gro- ße schwule Szene in Moskau gibt es auch, berichtet sein Begleiter Dennis: Nachtclubs und Saunen, Partys und private Zirkel. Auch für Bären, die sich so jeden Monat zum Spaß zu einer Bärensauna treffen.

Für viele, die sich so mit der Gesellschaft arrangiert haben, bedeutet die Politisierung der Homosexualität keineswegs ein Fortschritt, sondern die Bedrohung des Status Quo. Viele Schwule, so Dimitry, geben deshalb den Aktivisten und auch den Aktivitäten von außen die Schuld an der derzeitigen Homo-Hatz. Dies habe die zugrunde liegende Homophobie in der Gesellschaft erst richtig mobilisiert.

In den Jahren des Umbruchs, vor allem unter Jelzin, als sich auf einmal alles änderte, ging mit einer drastischen Verschlechterung der Lebensbedingungen für die überwältigende Mehrheit der Russen ein Einbruch „westlicher Lebensweisen“ einher, die diametral zu den traditionellen Werten der russischen und sowjetischen Gesellschaft standen.

In diesen „Zerfallsprozess“ brachte dann Jelzins Nachfolger Putin wieder Ordnung und Stabilität und vor allem Aussicht auf ein besseres Leben, so Dimitry. Erlebten Russen unter Jelzin sogar wieder Hunger, gab und gibt es unter Putin ein kleines Wirtschaftswunder und Stabilität, die ihm eine große Popularität sichert.

In diesem, das Land zusammen zu halten und zu stabilisieren, und natürlich auch um sich selbst zu profilieren, fällt auch die offizielle Politik gegenüber Homosexuellen, die althergebrachte Vorurteile bedient. Unwidersprochen bleiben so selbst Im Staatsfernsehen Moderatoren, wenn sie die Sprache der Straße verwenden und Homosexuelle als „Pedik“ (Päderasten) und Wüstlinge bezeichnen. In diesem Klima, so Dimitry, wirkten die Gay-Paraden, die Besuche ausländischer Politiker wie der von Volker Beck, wie eine offene Provokation. „Die russische Gesellschaft muss erst bereit sein, genügend Wissen über Homosexualität haben, bevor sie für solche Paraden reif ist.“ Und das trifft selbst auf die Jugend zu, die in diesen Fragen eher die traditionellen homophoben Werte teilt.

Flagge Russland

Doch nun gibt es ein Gesetz, dessen Inhalt ist so schwammig formuliert ist, dass keiner weiß, wie hier eigentlich die «Propaganda» definiert ist. Gilt es erst bei den Schwulen- und Lesbenparaden oder schon bei der Sexualaufklärung Jugendlicher? Schlimmer sind aber die Auswirkungen für die Stimmung gegenüber Homosexuellen im Land. Diese müssen nun tatsächlich Entlassung oder Gewalt gegen ihr Leben fürchten. Und die Polizei, die öffentlichen Organe schauen weg, wenn vor allem radikale Christen Jagd auf öffentlich bekannte Schwule machen. Der wirkliche Schaden des Gesetzes und seiner Auswirkungen ist, dass es jede sachliche Aufklärung über Homosexualität verhindert, so Dimitry und dass es Raum bietet, Homophobien offen auszuleben.

Und die Unterstützung und Solidarität aus dem Ausland? Dimitry sieht diese mit großen Fragezeichen. Auch die meisten Schwulen empfinden diese als Einmischung von außen, die den Hass der Homophoben nur noch mehr anstachelt. Bis hin zu aktuellen Bestrebungen, Homosexualität wieder strafbar zu machen.„Wir müssen einen eigenen Weg bei der Emanzipation gehen“ sagt Dimitry, „ Wir können nicht das westliche Modell einfach übernehmen“.

Und wie hat Dimitry der Bear Pride in Köln gefallen? Einfach fantastisch und natürlich wünsche auch er sich, dass eines Tages solches auch in seiner Heimatstadt Moskau möglich werde. Aber er glaubt nicht, dass er das noch erleben wird. Dimitry ist 36 Jahre alt.